Recap: EduCamp in Minden

Mittlerweile ist das EduCamp seit 16 Jahren eine feste Institution der Konferenzen, die vor allem innovative und zukunftsorientierte Visionen für unser Bildungssystem konstant vorantreibt.

Zwei mal im Jahr treffen sich bundesweit Bildungsenthusiast*innen, Pädagog*innen, Mitarbeiter*innen von Hochschulen und Lehrende aus der Aus- und Weiterbildung sowie Erwachsenenbildung. So auch vor zwei Wochen: Auch mich hat es diesmal zum Educamp nach Minden gezogen. Und was ich da alles so erlebt habe, davon berichte ich euch jetzt.

Für mich ist das EduCamp ein Herzensprojekt. Warum fragt ihr euch? Das ist hoffentlich schnell und kurz erklärt: Als ich 2006 meinen Blog gestartet habe, habe ich das mit der Motivation gestartet, weil ich eine Lehrerin sein wollte, die offen für Neues ist und die aktuellen technischen Entwicklungen kennt und diese auch sinnvoll (mit didaktischem Mehrwert) im Unterricht zu nutzen, denn Schule hat u.a. den Bildungsauftrag die Kinder auf die Zukunft (nicht auf die Vergangenheit) vorzubereiten.

Warum fehlt es an technischem Knowhow bei den Lehrenden?

Ich erinnere mich oft daran, dass wir unseren Lehrer*innen oft helfen mussten, den Videorekorder zu starten. Und was soll ich euch sagen, jetzt berichtet mein Sohn oft, dass die 9-Jährigen den Lehrer*innen helfen müssen, die Smartboards zum Laufen zu bringen… (*kopfschüttel*)

Hier schwingt bei mir immer wieder die Frage mit: Warum gibt es so viele Lehrer*innen, die an Büchern und Arbeitsblättern festhalten und der neuen Technik so verschlossen sind? Seit 2000 ist das Internet für uns alle zur Verfügung. Was ist in den letzten 24 Jahren passiert? Warum gibt es immer noch nur eine Elite von zukunftsorientierten Interessierten? Warum ist in der Lehramtsausbildung wenig passiert? Und in der Lehrerfortbildung?

Schaut mal – das waren schon 2008 meine Wünsche:

 

Das Besondere des EduCamps

Und nun zurück zum EduCamp: Diese Un-Konferenz ist eben etwas ganz Besonderes. Hier treffen Newbies auf Fortgeschrittene und hier wird keiner ausgelacht – ganz im Gegenteil. Alle die sich hier beim EduCamp treffen, haben ein gemeinsames Ziel: wir möchten alle Lehrenden motivieren

  • sich auszuprobieren,
  • die neuesten technischen Entwicklungen kennenzulernen,
  • didaktische Ideen entwickeln für einen innovativen Unterricht.

Darüber hinaus kann man auch über Herausforderungen in seinem pädagogischen Alltag debattieren oder Fragestellungen mitbringen.

Und jetzt kommt’s: Das EduCamp ist eben so organisiert, dass es keinen festen Ort hat, sondern diese Veranstaltung bundesweit reist, sodass die Chance besteht, dass wir bundesweit alle Menschen erreichen, die sich für ein innovatives und zukunftsorientiertes Bildungswesen interessieren.

Dass das Bildungswesen eine Revolution dringend benötigt, zeigen der PISA-Schock, die IGLU-Auswertung und viele andere Studien.

Was waren die Themen beim EduCamp in Minden?

Auch diesmal waren die Themen vielfältig – und das Thema KI in der Bildung durfte natürlich auch nicht fehlen. Und gerne schließe ich mich auch der Blogparade zu #KIBedenken an, aber das wird ein neuer Blogbeitrag.

Die Themen von Samstag und Sonntag könnt ihr euch in den Session-Plänen gern selbst ansehen, denn ich kann euch nur einen kleinen Einblick in die Themen geben, die ich persönlich besuchte.

  • Ozobot – der Mini-Roboter
  • Die unsichtbare Hürde: Wenn Lernen zur Qual wird (meine Session)
  • Wird KI die Bildungs-UN-Gerechtigkeit verhindern?
  • Was könnte man mit digitalen Zertifikaten machen?
  • Induktiver Unterricht
  • Ist sehr viel von KI in der Bildung großer Quatsch?
  • Skandinavien verlässt Digitalien – Ein Blick hinter die reißerischen Schlagzeilen
  • Neue Autorität

Einblick in meine besuchten Sessions

Die Ozobots

Die Ozobots sind mir in Berlin bereits vor zwei Jahren bei der langen Nacht der Wissenschaften über den Weg gelaufen. Daher fand ich es super spannend, dass sie nun auch auf dem EduCamp zum Ausprobieren waren. Doch nicht nur das: In dieser Session haben auch einige Lehrer*innen berichtet, welche Funktionen diese Mini-Roboter in ihrem Unterricht einnehmen.

Diese Mini-Roboter müssen nicht nur im klassischen Informatik-Unterricht ihren Einsatz finden, um das Coden kennenzulernen.  Tatsächlich können die Ozobots auch den Deutschunterricht für die Wegbeschreibung bereichern. Auch in Kunst für eine künstlerische Weg-Gestaltung einer Stadt sicher auch sehr gut einsetzbar.

Frühkindliche Reflexe

In meiner Session Die unsichtbare Hürde: Wenn Lernen zur Qual wird, habe ich über ein aktuelles privates Thema berichtet – die frühkindlichen Reflexe. Wenn diese nämlich noch aktiv sind, dann können sie den Alltag und vor allem das Lernen stören. Und es gibt aber relativ einfache Lösungen, um diese Verhaltensauffälligkeiten aufzulösen.

KI in der Bildung

Eine ebenfalls sehr spannende und gut besuchte Session, war die Session zu KI und Bildungs-Un-Gerechtigkeit. Auch wenn die Diskussion oft wieder in die Anwendung und Werkzeugdebatte abgedriftet ist oder auch immer wieder angemerkt wurde, dass Lehrer*innen und Eltern erstmal begreifen müssen, was KI ist und wo sie wie genutzt wird, so blitzten hier und da doch recht gute Ideen hervor, wie man mit KI die Wissensvermittlung individualisieren kann, d.h. alle Lernenden erreichen.

Schließlich stehen die Lehrer*innen heute mehr denn je vor heterogenen Klassen und sehr großen Herausforderungen. Da gibt es die Lernenden,

  • die gerade erst in Deutschland angekommen sind und unsere Sprache nicht sprechen,
  • dann gibt es Schüler*innen, die Lernschwierigkeiten haben oder
  • die Superschlauen.

Und dann gibt es (uns) die Eltern, die erwarten, dass die Lehrkräfte es schaffen, das beste Potenzial aus unseren Kindern unter diesen Bedingungen herauszuholen … KI ist jetzt aber auch kein Allheil-Mittel, kann aber Barrieren verkleinern. Denn mit Hilfe von KI können

  • Texte in einfacher Sprache ausgegeben werden
  • Texte in die Sprache des Lernenden übersetzt werden
  • Texte vorgelesen werden (wenn das Lesen schwer fällt) und auch in der Sprache der Lernenden

Auch Aufgaben können binnendifferenziert zu einem Thema erstellt werden. Also wenn man offen ist, haben die Lehrpersonen mit KI eine große Chance, Bildungsbrücken zu erschaffen und irgendwann die Lerngruppe zu einem gemeinsamen Nenner zu begleiten.

Digitale Zertifikate

Alles wird digital – außer unsere Zeugnisse und Abschlüsse? oder gibt es da doch auch einen neuen Weg? Schon mal drüber nachgedacht, wo du deine Zeugnisse lagerst?

Ein sehr spannendes Thema hat Anja mitgebracht. In ihrer Session haben wir uns über die Möglichkeiten digitaler Zertifikate ausgetauscht. Ein Hochschulwechsel wäre eventuell viel leichter möglich. Die Vergleichbarkeit und das Anrechnen bestimmter Kurse und Vorlesungen wird transparenter, denn man kann dort tatsächlich hinterlegen, welche Kompetenzen mit bestimmten Credits erlernt wurden.

Ähnlich spannend stelle ich mir das Thema auch für die Schule vor. Es kommt nicht selten vor, dass die Lernenden die Schulen bundesweit oder auch nur von Bezirk zu Bezirk wechseln. Wie viel einfacher wäre es, wenn man sehen könnte, was die Kinder tatsächlich in dem Halbjahr schon gelernt haben und worauf man aufbauen kann oder was die Lernenden nachholen sollen. Denn manche Themen im Rahmenlehrplan werden innerhalb eines Jahres auch geschoben.

Ich bin gespannt, wo da die Reise hingeht und verfolge das Thema auch sehr gern weiter. Und vielleicht hat Anja von bldg-alt-entf, Lust mit mir dazu nochmal in einem Podcast in den Austausch zu gehen.

Künstliche Intelligenz in der Bildung großer Quatsch?

Da Nele bereits auch eine Blogparade gestartet hat, werde ich zu dieser Thematik und auch zur Blogparade #KIBEDENKEN, mich in einem gesonderten Blogbeitrag äußern.

Skandinavien verbannt digitale Lehrmaterialien

Und wie sollte es anders sein, auch die EduCamper lesen die News und Schlagzeilen genau. Denn wie erwähnt, möchten wir mit dem EduCamp die Lehrenden ermutigen, sich der Technik in der Lehre zu öffnen und dann kommen plötzlich Schlagzeilen wie diese:

Digital-Detox: Nachbarländer überdenken Schul-Digitalisierung? Echt jetzt?

Niederlande wollen Mobilgeräte aus Klassenzimmer verbannen

Frankreich verbietet Handys an Schulen

Digitale Bildung in Nordeuropa: Kontroverse Entwicklungen und Perspektiven

Ich kann nur empfehlen, lest nicht nur die Headlines, sondern schaut genau in die Berichterstattung. Was soll es bringen, wenn der Unterricht nur mit Stift, Papier und dem klassischen Buch wie im Mittelalter gestaltet wird?

  • Wo ist da die adäquate zielgerichtete Bildung auf eine digitalisierte Arbeitswelt?
  • Wie soll man denn die Bubbles in den Netzwerken verstehen, wenn man diese ausschließt?
  • Wie soll man einen kritischen Umgang mit den Sozialen Netzwerken verstehen, wenn man diese nicht integriert?
  • Wie soll man das Recht am Bild verstehen oder wie soll man Fake News von echten Nachrichten-Meldungen erkennen?

Warum haben wir immer das Schwarz-Weiß-Denken? Warum immer die Extrema? Erst wird in einigen Ländern nur noch digital favorisiert? Und ganz plötzlich soll alles abgeschafft und verboten werden?

Wo ist der gesunde Mittelweg? Warum nicht sinnvolle Projekte mit den Neuen Medien im Unterricht betreut von dem Lehrpersonal durchführen lassen?

Also ihr seht, so ein EduCamp ist immer wieder eine Bereicherung. Und neben all den tollen Sessions ist auch noch ein inspirierender Podcast zum EduCamp entstanden.

Meine Wünsche

Zum Schluss habe ich noch ein paar konkrete Wünsche. Viele der EduCamper betreiben eigene Blogs oder auch Podcasts oder verfassen spannende Artikel u.a. bei LinkedIn.

Berichtet doch auf den Schulhomepages, den Webseiten der Hochschulen und den Webseiten eurer Arbeitgeber oder eben in euren Blogs über das EduCamp. Ich bin tatsächlich etwas traurig, dass das EduCamp ein beliebter Treffpunkt ist, aber dann doch so stiefmütterlich behandelt wird.

Wenn wir als Community und überzeugte Bildungsenthusiasten dem EduCamp mehr Sichtbarkeit verleihen, dann wird es auch für die Organisatoren leichter sein, Sponsoren zu finden. Denn warum soll denn ein Unternehmen unsere Zusammenkunft und unseren Austausch mit einem Sponsoring unterstützen? Welchen Mehrwert bieten wir denn im Gegenzug?

Es müsste auch auf der Webseite vom EduCamp mehr Interaktion geben, als nur das Ankündigen der EduCamps. Ich denke auch da könnten kurze Gedankenblitze zu aktuellen Bildungsthemen und Studien nützlich sein oder EduCamper berichten über aktuelle Projekte oder erfolgreiche Unterrichtsszenarien.

Wenn ihr mich fragt, müssten auch nicht alle Social Media Accounts bespielt werden. Eine Fokussierung bringt den Erfolg.

Und was ich auch schön finden würde, wenn die EduCamps wieder ein Motto bekommen. Darüber könnten wir als Community auch gern in den Austausch treten.

Mit diesen Wünschen freue ich mich über die Fortsetzung im Herbst vom EduCamp vom 27.09.-29.09.2024 in Calberlah. #ecc24

P.S.: Auch würde ich gern das EduCamp wieder zurück in die Hauptstadt locken. Mal sehen, ob ich eine innovative und offene Schule finde und 2025 das EduCamp nach Berlin zurückkehrt.

 

 

 

2 Kommentare zu „Recap: EduCamp in Minden“

  1. Pingback: Der Wiki-Weg des Lernens - Melanie Mohr

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