Sprichst du Politik?

In wenigen Monaten stehen in Berlin die Wahlen zum Abgeordnetenhaus an. Auch in diesem Jahr werden Erstwähler die Chance haben, sich aktiv mit ihrer Stimme an der Demokratie zu beteiligen. Doch verstehen sie die Wahlprogramme, die Reden der Politiker oder kennen den Aufbau des deutschen Wahlsystems?

Ein junges Studententeam der Design Akademie Berlin ist der  Forschungsfrage „Wie muss die Sprache von Politiker/innen und politischen Institutionen sein, die jungen Bürger/innen ein Verstehen des Inhalts ermöglicht und den Austausch über politische Themen zwischen allen Beteiligten fördert?“  nachgegangen. Am 29.06. 2011 präsentierten sie gemeinsam mit ihrer Professorin Bettina Fackelmann die Studienergebnisse von „Sprichst du Politik?“ in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

Fragen der Studie waren u.a.:

  • Was denken Jugendliche über PolitikerInnen und ihre Absichten?
  • Wie und wo informieren sie sich über politische Zusammenhänge?
  • Vertrauen sie den Medien?
  • Verstehen sie die Botschaften der Politiker?
  • Kommt Politik in ihrem Alltag vor?
  • Welche Möglichkeiten und Begrenzungen sehen sie, sich in der Politik zu engagieren?

Ich freue mich, dass ich die Chance erhielt, bei der Pressekonferenz teilnehmen zu können. Ab 9:30 Uhr war Einlass. Der Saal war noch leer und erst kurz vor 10 Uhr füllte er sich. Geschätzt waren knapp 100 Teilnehmer aus Presse, Rundfunk & Fernsehen sowie Schüler, Lehrer und andere Bildungsinteressierte vor Ort.

Die Wartezeit habe ich mit dem Lesen der Studie überbrückt. Die Studie bestätigt, dass Jugendliche und auch Erstwähler Interesse am politischen Geschehen  haben, allerdings müssen sie Hürden wie das Verstehen der Sprache und Ausdrucksweise der Politiker überwinden. Ebenfalls gibt die Umfrage Aufschluss darüber, dass die Nachwuchsgeneration sich politisch aktiv beteiligen möchte, aber nicht die Chancen findet.

 

 

Die einleitenden Worte von Frau Prof. Fackelmann waren für mich sehr interessant. Sie berichtete von ihrer Eigenmotivation. Ausgehend von ihren Seminaren, wo meist nur männliche Teilnehmer sich an politischen Diskussionen beteiligten, wollte sie herausfinden woran liegt es, dass weibliche Teilnehmer nicht anwesend sind oder gar schweigen? Grundlage der Befragung bildeten 27 leitfadengestützte Gruppeninterviews mit Berliner und Brandenburger Schülerinnen und Schülern im Alter von 16-19 Jahren sowie eine Onlineumfrage, an der 30.122 Schüler teilnahmen. Bei der Auswahl der Schulen wurde darauf geachtet, ein möglichst breites Spektrum an Schulformen, Bildungsgraden und geografischer Verteilung abzudecken.

Schockierend fand ich die Aussage, dass es doch tatsächlich einige Lehrer gab, die die Interviews in ihren Schulklassen nicht zugelassen haben, weil ihre Schüler kein politisches Interesse hätten oder zu undiszipliniert oder unkonzentriert seien. Dies ist doch ein Paradebeispiel dafür, dass Politikverdrossenheit schon in der Schule gefördert wird. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum immer die Schulklassen, die als schwierig oder schwer-erziehbar gelten, keine Chancen bekommen. Während ich hier diese Sätze schreibe, steigt mein Puls auf 180. Zum Glück wurde nicht gesagt, dass ihre Schüler dumm seien. Ich kann es nicht mehr hören. Kein Kind, was auf die Welt kommt, ist per se begriffsstutzig. Wenn ich mir unser Bildungssystem ansehe, dann werden unsere Kinder zu nachplappernden Duckmäusern gemacht.

Doch nun wieder zurück. Schließlich kamen ja einige 10.000 dazu, ihre Stimme abzgeben. Auf die Teilergebnisse erspare ich mir einzugehen, da diese in der Studie nachzulesen sind. Jedoch die Handlungsempfehlungen für Politik, Bildungspolitik und Medien seien hier noch erwähnt. Denn diese erscheinen mir diskutabel und umsetzenswert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Was wünschen sich Jungwähler von der Politik?

  • einfachere Begriffe statt Fremdwörter
  • rhetorische Floskeln durch konkrete, verbindliche Aussagen ersetzen
  • kurze Sätze statt Schachtelsätze
  • politische Reden frei sprechen anhand von Stichworten – wirkt lebhafter und glaubwürdiger

Was wünschen sich Jungwähler von den Medien?

  • Hintergründe sachlich darstellen
  • Grafiken zur Veranschaulichung schwieriger Themen verwenden
  • Fachbegriffe erläutern
  • Unabhängigkeit bewahren und kritisch nachfragen, auch wenn man mit politischer Orientierung übereinstimmt

Was wünschen sich Jungwähler von der Bildungspolitik?

  • schon in der Grundschule spielerisch demokratische Prinzipien üben
  • Eltern&Schüler in schulische Entscheidungen einbinden
  • Aktualität der Themen beachten
  • externe Angebote wahrnehmen
  • attraktivere Unterrichtszeiten

Ich denke, dass all diese Empfehlungen keine unmöglichen oder gar nicht lösbare Vorschläge sind. Man muss nur gewillt sein, dies umzusetzen. Ich bin gespannt inwiefern diese Studie in den Köpfen aller Beteiligten hängen bleibt oder ob es doch wieder nur eine Beschäftigung von Studierenden war…

Ein Lichtlein am politischen Horizont leuchtet bereits: Die SPD-Politikerin, Katja Mast, betreibt seit 2005 das Projekt „Junger Rat für Mast„. Mit diesem Projekt bringt sie Politik in den Unterricht. Die Jugendlichen stehen ihr beratend vor allem in der Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialpolitik zur Seite.

Wer jetzt nach dem Lesen noch Puste hat, der kann sich meinen Zusammenschnitt von der Pressekonferenz ansehen. Hier kommen alle Beteiligten selbst zu Wort und auch Stimmen aus dem Publikum werden laut. Das Schlusswort überlasse ich einem Lehrer, der in den letzten 10 Minuten zu hören ist.

2 Gedanken zu „Sprichst du Politik?“

  1. Leserbrief

    Einer Mehrheit an Jungwähler ist sogenannte „ innovative Sprache“ bei Politikern nicht sehr sympathisch, denn es entsteht der Eindruck, daß diese durch eine Neuformulierung ihrer politischen Rhetorik den Eindruck einer neueren, höheren Glaubwürdigkeit ihrer Politik erzielen wollen. Auch die Verwendung, oft nicht stimmiger, englischer Floskeln, scheint eine moderne, möglicherweise höhere Qualität der Aussagen bzw. den durch sie ausgedrückten Werten.zu suggerieren.
    Die Entzauberung der Zauberlehrlinge durch den Klassiker Goethe folgt allerdings auf dem Schritt: „ Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ Das will heißen, Politik muß sich an Ergebnissen messen lassen und nicht an neu oder umformierten Absichtserklärungen. Jungwähler scheinen zu durchaus ein Instinkt dafür zu besitzen, ob eine Aussage etwas verdeutlichen oder eher verschleiern soll. Da sich Tatsachen auf die Dauer aber nicht verschleiern lassen, wäre man gut beraten, die Dinge in verständlichen Worten und grammatikalisch korrektem Deutsch beim Namen zu nennen, ehe sie sich vollends verselbständigen und ihre eigene Dynamik entwickeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.